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Das Muttersprachlerprinzip – was dahintersteckt

Auf den Websites von Übersetzungsagenturen oder anderen Übersetzungsdienstleistern liest man oft Schlagworte wie „Muttersprachprinzip“, „Vier-Augen-Lektorat“, „Zertifizierte Qualität“ und und und. Wenn Sie nicht gerade selbst aus der Übersetzungsbranche kommen, werden Sie eventuell nicht immer wissen, was damit genau gemeint ist. Was Ihnen die Anbieter sagen möchten und wie viel Substanz tatsächlich dahintersteckt, möchte ich Ihnen hier und in den folgenden Posts an ein paar Beispielen zeigen.

Muttersprach(ler)prinzip

Was es heißen soll: Die eingesetzten Übersetzer sind Muttersprachler der Zielsprache, d. h. dass ein Text, den Sie auf Englisch benötigen, von einem englischen Muttersprachler bearbeitet wird. Diesem Prinzip liegt die Annahme zugrunde, dass man sich in seiner Muttersprache am besten ausdrücken kann, weshalb auch die Übersetzungsqualität bei einer Übersetzung in die Muttersprache besser ist, als wenn in die Fremdsprache übersetzt wird.

Wie die Realität aussieht: Wenn Sie selbst eine Fremdsprache sprechen, werden Sie wissen, dass Sie sich eventuell nicht ganz so geschliffen ausdrücken können wie in Ihrer Muttersprache, insbesondere dann, wenn Sie sich mit einem Muttersprachler vergleichen. Das Muttersprachprinzip ist also nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt allerdings einige Punkte, die beachtet werden sollten.

1) Textverständnis: Was hilft es dem Übersetzer, wenn er einen sprachlich einwandfreien Zieltext produziert, der inhaltlich falsch ist, weil die Aussage des Ausgangstexts auf sprachlicher Ebene nicht verstanden wurde? Hätte hier ein Muttersprachler der Ausgangssprache den Text nicht vielleicht besser erfasst und dann korrekt übertragen?

2) Sprachniveau: Sprechen Sie genauso gut Deutsch wie Ihr Kind, Ihr Professor, Ihr Paketbote, Ihr Arzt oder Ihre Frisörin? Wieso ich das frage? Die Chance besteht, dass alle genannten Personen eines gemeinsam haben: die Muttersprache. Jeder hat eine Muttersprache. Diese allein ist aber kein Zeichen von Qualität.

3) Sachkenntnis/Fachjargon: Nehmen wir jetzt aber mal an, das muttersprachliche Niveau des Übersetzers ist ausreichend hoch. Um eine vernünftige Übersetzung erstellen zu können, sind aber noch mehr Dinge gefragt. Der Übersetzer muss wissen, worum es geht. Wenn Sie technische Dokumentation übersetzen, müssen Sie wenigstens ein grundlegendes, meist aber ein profundes Wissen über das jeweilige technische Fachgebiet haben. Auch muss bekannt sein, wie man sich in einer Branche bzw. in einer bestimmten Textsorte (Anleitung, Korrespondenz, Ausschreibungen usw.) ausdrückt. Die Muttersprache allein gibt einem das nicht mit.

Fazit: Das Muttersprachprinzip ist zwar sinnvoll, reicht allein aber bei weitem nicht aus, um eine brauchbare Übersetzung zu gewährleisten. Vielmehr sind zusätzlich ein bestimmtes Sprachniveau, profunde Kenntnisse der Fremdsprache, viel Sachkenntnis und vieles mehr gefragt, die oftmals ein Übersetzer, der in die Fremdsprache übersetzt, ebenso oder manchmal sogar insgesamt besser bieten kann.

Kundenpflege in München

Nach längerer Zeit melde ich mich wieder über meinen Blog. Die letzten Monate haben viele spannende Aufträge, interessante Kontakte, neue Kunden und vieles mehr gebracht. Zu den Höhepunkten in dieser Zeit gehört für mich auf jeden Fall auch meine Geschäftsreise nach München vom 7. bis 9. Oktober. Hier dazu nur ganz kurz:

Warum ich nach München gefahren bin? Um Akquise ging es mir auf jeden Fall nicht. In den zweieinhalb Tagen, die ich in der bayerischen Landeshauptstadt verbracht habe, habe ich drei Unternehmen besucht, für die ich bereits arbeite. Außerdem hat es glücklicherweise auch noch für einen Kaffee mit einer lieben Übersetzerkollegin gereicht, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte. Ich wollte meine Ansprechpartner bei den Unternehmen, mit denen ich teilweise schon jahrelang mehrmals in der Woche zu tun habe, einfach mal (besser) kennenlernen. Man spricht ganz anders mit einem Menschen, wenn man ein Gesicht vor Augen hat und weiß, wie der andere so tickt. Gerade in Geschäftsbeziehungen finde ich das sehr wichtig, da man so potentielle Missverständnisse von vornherein vermeiden kann.

So habe ich viele nette Menschen mit spannenden Lebensläufen kennengelernt, über gemeinsame Projekte gesprochen, getratscht und gelacht. Es war ein schönes Erlebnis, das ich gerne bald mal wiederholen möchte. Mal sehen, wohin mich meine nächste Geschäftsreise führt…

Demnächst an dieser Stelle hoffentlich wieder mehr aktuelle Beiträge von mir.

Schöne Grüße

Florian Tejera

Erfolgreichere Angebote ohne am Preis zu drehen?

Schon wieder ein Angebot abgegeben, das der Kunde mit einem Hinweis auf den Preis abgelehnt hat? Das ist wohl jedem in der Übersetzungsbranche, egal ob Freiberufler oder Agenturbetreiber, schon passiert. Sätze wie „Ein anderer Dienstleister ist aber günstiger…“ oder „Das Gleiche bekomme ich woanders billiger…“ hört man immer wieder von „preisbewussten“ Kunden. Aber stimmt das denn überhaupt? Bevor Sie anfangen, sich kopfüber in einen Preiskampf zu stürzen, den Sie eigentlich überhaupt nicht wollen, sollten Sie sich eventuell zunächst Ihr Angebotsschreiben genauer ansehen.

Ist Ihr Preis überhaupt mit dem Ihres Wettbewerbers vergleichbar? Versetzen Sie sich dabei einmal in Ihren Kunden. Vergessen Sie alles, von dem Sie meinen, dass es selbstverständlich wäre. Kann der Kunde tatsächlich anhand Ihres Angebotsschreibens erkennen, welche Leistungen Sie erbringen? Oder nennen Sie lediglich einen festen Preis? Ich arbeite seit 2006 in der Übersetzungsbranche und habe seitdem sehr unterschiedliche Herangehensweisen kennengelernt, wie man Angebote schreibt. Eines kann ich definitiv sagen: Kein Angebot gleicht dem anderen.

Was steckt drin?

Viele Übersetzer und Agenturen geben, kurz gesagt, einfach einen pauschalen Preis an. Das läuft dann nach dem Motto: „Sie wollen Datei XYZ übersetzen lassen. Das kostet bei uns XYZ Euro.“ Natürlich kommen dann noch ein paar weitere Informationen, zum Beispiel hinsichtlich des Liefertermins hinzu. Auf die eigentliche Leistung wird aber oft überhaupt nicht eingegangen. Was umfasst die Leistung „Übersetzung“ überhaupt? Ist das wirklich die einzige Leistung, die Sie für Ihren Kunden erbringen? Oder gehört bei Ihnen „selbstverständlich“ auch ein Lektorat oder die Formatierung des Zieltextes dazu? Das ist natürlich löblich, aber wenn Sie etwa schreiben, dass bei Ihnen die Übersetzung 500 Euro kostet, vergleicht das der Kunde oft mit dem, was Ihr Wettbewerber ebenfalls als Übersetzung bezeichnet. Die Position „Übersetzung“ beim Wettbewerber beläuft sich jetzt aber nur auf 400 Euro. Das Lektorat und die Formatierung laufen jeweils unter eigenen Positionen, sagen wir zu einem fiktiven Preis von 80 bzw. 20 Euro. Der Gesamtpreis ist bei Ihnen und Ihrem Wettbewerber jeweils 500 Euro. Für wen aber wird sich der Kunde entscheiden? Ich werde es Ihnen sagen. In den meisten Fällen wird es Ihr Mitbewerber sein, da der Kunde nicht nur die „Übersetzung“ vermeintlich billiger bekommt, sondern auch noch zwei tolle Zusatzleistungen. Einfach einen tollen Service. Jetzt sagen Sie: „Die waren bei mir aber auch dabei!“ Mag sein, das spielt aber nur eine Rolle, wenn Ihr Kunde hellseherische Fähigkeiten hat.

Das Zauberwort heißt „Aufschlüsseln“

Auch wenn es Ihnen bescheuert erscheinen mag, alles haarklein aufzuzählen, Ihren Kunden wird das in der Regel nicht stören. Vielmehr bieten Sie Ihrem Kunden einen interessanten Service, da Sie Ihre Angebote modular aufbauen können. In der Praxis sieht das dann so aus, dass Sie die Leistungen, die Sie erbringen, einzeln aufführen. Das ist dann natürlich in erster Linie die „Übersetzung“, aber auch „Vier-Augen-Lektorat“, „Frontend-Lektorat“, „Pflege einer Übersetzungsdatenbank“, „Erstellen einer Terminologieliste“, „Formatierung des Zieltextes im Quellformat“, „Projektmanagement“ usw. sind denkbar. Einige der Dienstleistungen „müssen“ eventuell nicht unbedingt erbracht werden. Vielleicht sind Sie aber der Meinung, dass Ihr Kunde im konkreten Fall hiervon profitieren würde. Diese Leistungen können Sie problemlos als optionale Positionen anbieten. So versetzen Sie Ihren Kunden in die Lage, genau zu sehen, welche Leistungen Sie erbringen, und selbst zu entscheiden, was er wirklich von Ihnen benötigt. So oder so, entweder Sie verkaufen noch mehr Leistungen als zunächst gedacht, da Sie den Kunden erst auf die Idee bringen, oder Sie können sich bestimmte Aufwände sparen. Beides ist für Sie sehr positiv.

Machen Sie Ihrem Kunden eine Freude

Wenn Sie mit Translation-Memory-Systemen arbeiten und auch Wiederholungsrabatte und dergleichen geben, ergibt sich für Sie noch eine weitere Möglichkeit, den Kunden für sich zu gewinnen. Sie kennen das sicher… Sie sehen zum Beispiel einen tollen, neuen Flachbildfernseher. Der ist aber unheimlich teuer. Wenn daneben aber ein vergleichbares Produkt steht, das aber noch viel teurer ist, erscheint Ihnen der erste Fernseher fast schon wie ein Schnäppchen. Der Preis hat sich wohlgemerkt nicht verändert. Wenn Sie Wiederholungsrabatte geben, dann sollten Sie das entsprechend kenntlich machen und zwar in Form von Zahlen. Nichts ist ein besserer Blickfang als eine Zahl. Mein Tipp: Rechnen Sie die Rabatte nicht direkt ein, sondern zerlegen Sie den Preis genüsslich vor den Augen des Kunden. Schreiben Sie also nicht, dass der Preis XYZ Euro beträgt und die Rabatte schon eingerechnet sind, sondern schreiben Sie: „Der Preis beträgt eigentlich XYZ Euro. Aufgrund des Wiederholungsanteils von XYZ Prozent kann ich Ihnen die Übersetzung jedoch zu einem Preis von ABC Euro anbieten.“ Das ist transparent, ehrlich und verschafft Ihrem Kunden ein gutes Gefühl. Was will man mehr?

Entscheiden Sie von Fall zu Fall

Bevor Sie jetzt in einen Aufschlüsselungsrausch verfallen, sollten Sie einige Aspekte nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehört, dass Sie das Angebot übersichtlich halten sollten. Wenn der Kunde vor lauter Positionen am Ende nicht mehr weiß, was er zu zahlen hat, hilft Ihnen die schönste Aufschlüsselung nichts. Zudem sollten Sie nichts aufschlüsseln, was eigentlich nicht sinnvollerweise aufgeschlüsselt werden kann. In diesen Fällen wittert der Kunde Preistreiberei, was Sie ja gerade nicht wollen. Vor allem sollten Sie das Angebot aber an die Wünsche und Vorstellungen des Kunden anpassen.

Vielleicht lässt sich ja auch bei Ihnen in dieser Hinsicht etwas optimieren? In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg!

Machen Sie mehr aus Ihren Projektmanagern

Als freiberuflicher Übersetzer ist man oft Einzelkämpfer. Da ergibt es sich von selbst, dass man für seine Kunden der einzige Ansprechpartner im Unternehmen ist. Eine persönliche Betreuung ist hier Standard. Bei Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern, so auch bei vielen Übersetzungsagenturen, muss die Geschäftsführung allerdings gezielt darauf achten, dass es der Kunde möglichst immer mit dem gleichen Ansprechpartner zu tun hat. Dies ist mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass man es sich kaum noch anders vorstellen kann. Die Vorteile liegen für mich auf der Hand. Der Projektmanager einer Übersetzungsagentur lernt den Kunden genauer kennen, weiß wie er mit diesem umgehen muss, was er benötigt und was er erwartet. Im Idealfall wird der Projektmanager nach und nach zu einem Experten für diesen Kunden und seine Produkte. Schon dies ist ein Mehrwert für den Kunden, was in der Regel aber erst dann auffält, wenn der Projektmanager in den Urlaub fährt oder krank wird. Die Vertretung kann dieses Mehr an Wissen nur bedingt ersetzen.

Bei einigen meiner Agenturkunden habe ich jedoch gesehen, dass man diese Spezialisierung auf einen Kunden auch auf eine ganze Branche ausweiten kann. Ich finde diese Idee sehr gut und vielleicht hat der ein oder andere von Ihnen noch nie daran gedacht. Es geht um Folgendes: In diesen Übersetzungsagenturen kümmert sich ein Projektmanager um mehrere bzw. alle Kunden, die aus der gleichen Branche kommen, zum Beispiel „Automotive“ oder „Medizintechnik“. Bei Agenturen, die sich ohnehin auf nur eine Branche spezialisiert haben, ist das natürlich hinfällig, bei allen anderen kann dies jedoch deutliche Vorteile bringen, wohlgemerkt ohne nennenswerte Mehrkosten.

Der Projektmanager wird nach und nach zu einem Experten für die Branche, da er mit jedem Projekt, das er betreut, Wissen ansammelt, das für alle Seiten gewinnbringend sein kann. So lernt der Projektmanager, auf was es in der jeweiligen Branche besonders ankommt. Dies können Normen, Fachterminologie, Konventionen und viele andere Aspekte sein. In Unternehmen, in denen der Projektmanager auch in den Qualitätssicherungsprozess eingebunden ist, kann dies den Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Projektergebnis ausmachen.

Weiterhin wird das Fragen- und Antwortmanagement deutlich optimiert. Viele Fragen der Übersetzer können eventuell, sofern sich der Projektmanager absolut sicher ist, ohne Rückfragen beim Kunden beantwortet werden. Wenn doch der Kunde einbezogen werden muss, können diesem die Fragen möglicherweise in einer besser verständlichen Form präsentiert werden.

Wo wir gerade vom Kontakt mit dem Kunden sprechen… das gewonnene Fachwissen ermöglicht es dem Projektmanager auf einer anderen Ebene mit dem Kunden zu sprechen. Aber Vorsicht! Der Kunde erwartet professionelle Übersetzungsleistungen oder sonstige Sprachdienstleistungen von der Übersetzungsagentur, keine Ingenieursleistungen. Die bekommt er woanders besser. Man sollte sich also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Auch gegenüber den Übersetzern ergeben sich Vorteile. Da man viel häufiger mit Texten aus den gleichen Fachgebieten zu tun hat, wird die Zusammenarbeit mit den für dieses Fachgebiet geeigneten Übersetzern intensiver. So lernt man die jeweiligen Stärken und Schwächen der Übersetzer besser kennen und kann ihnen jeweils die Projekte anbieten, die am besten zu ihrem Profil und ihren Stärken passen. Außerdem weiß der Projektmanager dann eher, worauf er bei der Qualitätssicherung besonders achten sollte. Ebenso wird die Verfügbarkeit der Übersetzer so ein wenig leichter einschätzbar.

Nennenswerte Nachteile sehe ich bei dieser Vorgehensweise nicht, höchstens, dass im Vertretungsfall der Unterschied noch gravierender ausfällt als normal. Als Kunde könnte man auf die Idee kommen, dass die eigenen Daten nicht mehr so sicher sind, wenn der Projektmanager auch Wettbewerber betreut, allerdings kann dies genauso passieren, wenn sich der Kollege um den Wettbewerber kümmert. Im Geschäftsverkehr ist Vertraulichkeit ein hohes Gut und kann durch entsprechende Vereinbarungen (heute zumeist „Non-Disclosure Agreements“) noch stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. Ein Quäntchen Vertrauen ist aber ebenfalls unabdingbar.

Fazit: Die Betreuung verschiedener Kunden aus der gleichen Branche durch einen bestimmten Projektmanager bringt meiner Meinung nach Mehrwert für den Kunden, die Agentur und die Übersetzer und das ohne nennenswerte Kosten. Es ist einen Gedanken wert.

Ach, Sie decken das Fachgebiet Technik nicht in Gänze ab?

Von dieser Frage, die mir tatsächlich so gestellt wurde, war ich im ersten Augenblick etwas verblüfft. Ich musste den Text der E-Mail, in der dieser Satz stand, gleich noch einmal lesen. Dazu aber später mehr. Jetzt erst kurz zum Hintergrund:

Es ist einer meiner regelmäßigen Akquisenachmittage und ich schreibe einige Übersetzungsagenturen an. In der E-Mail stelle ich mich und meine Leistungen kurz und knackig vor. Dazu gehört auch eine kurze Auflistung der Fachgebiete, in denen ich Übersetzungen anfertige, unter anderem auch Medizintechnik und zwei weitere technische Fachgebiete. Die Resonanz auf meine E-Mails ist diesmal rein quantitativ sehr gut (zum Qualitativen kann man in der Regel nicht so schnell eine Aussage treffen). Mit dem Inhalt einer der Antwort-E-Mails habe ich allerdings nicht gerechnet. Nach den üblichen  „Vielen Dank“-Floskeln kam Folgendes: „Wir sind hauptsächlich auf technische Texte spezialisiert. Sehe ich das richtig, dass Sie dieses Gebiet nicht in Gänze abdecken?“

Da kommt man ins Grübeln. Seit Jahren heißt es von überall her, dass Spezialisierung unabdingbar ist, um auf dem heutigen Übersetzungsmarkt bestehen zu können. Auch ich sage das jedem, der mich fragt. Und nicht nur das… ich glaube auch daran. Nur wer sich in einer Disziplin sehr gut auskennt, wird Texte aus diesem Bereich auch fachlich korrekt und gut übersetzen können. Fachkenntnisse sind zwar nicht alles, denn auch ein gutes Sprachgefühl und übersetzerische Kompetenz sind erforderlich. Das fachliche Know-how hilft jedoch ungemein. Als Spezialist wird man einen Text deutlich schneller und präziser übersetzen können, als ein anderer Übersetzer, der ein Laie im jeweiligen Fach ist. Das gilt auch, wenn diese zweite Person ein hervorragender Übersetzer sein sollte. Ich denke, darin sind sich die meisten Kollegen einig. Und dann bekommt man eine solche Frage gestellt.

Das Problem ist, dass „Technik“ ebenso wie „Recht“ oder „Wirtschaft“, im Grunde kein Fachgebiet ist, sondern eine Gruppe von Fachgebieten. Kennt sich denn ein Maschinenbauingenieur mit Atomkraftwerken aus? Wohl eher nicht. Kann ein Luft- und Raumfahrtingenieur sein Auto selbst reparieren? Auch das ist nicht unbedingt gesagt. Wie sollen wir als Übersetzer dann ein Feld abdecken, das von Nanotechnologie bis zu Großbauwerken, wie Brücken, Staudämmen usw., reicht? Das kann bzw. das sollte niemand.

Irgendwie kann ich die Agentur ja auch verstehen. Man möchte es leicht haben. Wenn ein technischer Text reinkommt, möchte man nicht erst überlegen müssen, welcher Übersetzer dafür geeignet ist. Man schickt ihn einfach an irgendeinen der „Technik“-Übersetzer. Der wird das schon richten. Man muss vielen Kollegen zugute halten, dass sie sich sehr oft dermaßen in ein für sie neues Thema reinhängen, dass das Ergebnis am Schluss in Ordnung ist. Der Weg dahin ist dann aber oft mit Blut, Schweiß und Tränen getränkt. Auch die Frage, ob sich der Auftrag rein finanziell gelohnt hat, muss man sich dann aufgrund des wahrscheinlich höheren Zeitaufwands stellen. Ich selbst lehne Aufträge ab, wenn ich nicht sicher bin, eine gute Qualität liefern zu können. Ob die Texte dabei aus dem eigenen Fachgebiet kommen oder nicht, ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Allerdings käme ich nie auf die Idee zu sagen, dass ich jede Art von technischem Text machen kann. Natürlich nicht. Das muss ich von Fall zu Fall entscheiden.

Auch Agenturen sollten sich entscheiden, was sie möchten. Spezialisten oder vermeintliche Alleskönner? Die Sorgfaltspflicht gegenüber dem Kunden sollte hier wenigstens schon eine Tendenz vorgeben. Wie ist Ihre Meinung?

Nennen Sie den Übersetzer beim Namen

„Hallo, wir haben einen neuen Auftrag zu vergeben…“

Kennen Sie das? Vielleicht nicht. Die Wahrscheinlichkeit steigt allerdings extrem, wenn Sie als Übersetzer mit Übersetzungsagenturen arbeiten. Nur um kurz klarzustellen: Ich betreibe kein Agenturen-Bashing, da ich viel und gerne mit Agenturen arbeite und selbst 8 Jahre lang in verschiedenen Übersetzungsunternehmen tätig war. Ebenso wenig habe ich bisher eine ausgeprägte Divenhaftigkeit an den Tag gelegt, für die einige Übersetzer berüchtigt sind. Ich denke aber, dass man bei manchen Praktiken doch ein wenig den Finger in die Wunde legen sollte.

Kurz zum Sachverhalt: Ein Projektmanager (oder auch eine Projektmanagerin… auch Frauen sind hiervor nicht gefeit) einer Agentur hat einen Auftrag zu vergeben. Er braucht jemanden, der die Übersetzung ausführt, sodass er bei den in Frage kommenden Übersetzern nachfragen muss, ob diese das Projekt in der gewünschten Zeit erledigen können. Nun schickt der Projektmanager eine E-Mail mit den wichtigsten Informationen zum Projekt raus und wartet auf die Antwort des Übersetzers. Moment mal! Des Übersetzers? Nein, „der Übersetzer“ in der Mehrzahl, denn die E-Mail geht nicht nur an Übersetzer A raus, sondern auch an Übersetzer B, C, D usw. Das Ganze natürlich in einer einzigen E-Mail mit den Empfängern in BCC. Die Anrede lautet dann eben: „Hallo, wir haben einen neuen Auftrag zu vergeben…“. Wie gesagt, rede ich hier nicht von jemandem, mit dem man noch nicht zusammengearbeitet hat, sondern von Bestandskunden.

Warum macht der Projektmanager das? Ganz klar, für ihn liegen die vermeintlichen Vorteile auf der Hand:

  • Ich finde schneller einen Übersetzer für das Projekt, da ich nicht erst auf die Antwort des einen Übersetzers warten muss, bevor ich mich an den nächsten wende, wenn der erste Übersetzer nicht kann.
  • Ich spare mir die E-Mails an die einzelnen Übersetzer bzw. das Abtelefonieren von diesen.
  • Wenn ich mehrere Antworten bekomme, suche ich mir den Dienstleister aus, der am billigsten ist, am schnellsten liefern kann usw.

Jeder, auch Nicht-Projektmanager, wird hier wohl sagen, dass diese Gründe ganz vernünftig klingen und etwas für sich haben. Als Auftraggeber würde ich das auch sagen, wenn da nicht die andere Seite der Medaille wäre. Was hält der Übersetzer von dieser Vorgehensweise und wie wirkt sich das auf die Zusammenarbeit aus? Aus meiner persönlichen Sicht kann ich ganz klar sagen: Nicht gut! Bevor ich zu den Gründen komme, möchte ich kurz anmerken, dass in Fällen, in denen wirklich ein extremer Zeitdruck herrscht, diese Massen-E-Mails durchaus akzeptabel sind. Ich selbst war in meiner Zeit als angestellter Projektmanager auch das ein oder andere Mal in dieser Situation. Dann kann man die Situation aber auch so erklären und für das unpersönliche Anschreiben vorsorglich um Entschuldigung bitten.

Jetzt komme ich aber zum Punkt. Viele Übersetzer denken sich in dieser Situation Folgendes:

  • Wenn ich persönlich nicht angesprochen werde, dann bin und fühle ich mich auch nicht angesprochen. Ergebnis: Keine Antwort auf die E-Mail.
  • Wenn ich persönlich nicht angesprochen werde, dann ist man wohl auch nicht sonderlich daran interessiert, dass gerade ich den Auftrag erledige. Ergebnis: Keine Antwort auf die E-Mail.
  • Muss ich überhaupt antworten? Die E-Mail geht sowieso an zig andere Übersetzer. Einer wird sich schon melden. Ergebnis: Keine Antwort auf die E-Mail.
  • Lohnt es sich überhaupt noch zu antworten, wenn der erste Kollege, der sich meldet, den Auftrag ohnehin bekommt? Das ist doch Zeitverschwendung. Ergebnis: Keine Antwort auf die E-Mail. (Zu diesem Punkt sei kurz gesagt, dass ich in einigen Fällen nicht einmal 5 Minuten nach E-Mail-Eingang zu hören bekommen habe, dass der Auftrag schon vergeben sei.)
  • Wenn die E-Mail auch an andere Übersetzer geht, kommt es der Agentur offenbar nicht auf eine spezielle Qualifikation an, wenn doch auch alle anderen Kollegen mit unterschiedlichsten Qualifikationen das nach Ansicht des Projektmanagers genauso gut können wie ich. Sie ahnen es: Keine Antwort auf die E-Mail.

Was schließen wir daraus? Der Projektmanager bekommt vielleicht doch nicht so schnell eine Antwort, wie er sich erhofft hat. Nebenbei schädigt er auch das Verhältnis zwischen der Agentur und dem Übersetzer bzw. sich selbst und dem Übersetzer.

Ist das eine Zeitersparnis von ein paar Minuten wert?