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Machen Sie mehr aus Ihren Projektmanagern

Als freiberuflicher Übersetzer ist man oft Einzelkämpfer. Da ergibt es sich von selbst, dass man für seine Kunden der einzige Ansprechpartner im Unternehmen ist. Eine persönliche Betreuung ist hier Standard. Bei Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern, so auch bei vielen Übersetzungsagenturen, muss die Geschäftsführung allerdings gezielt darauf achten, dass es der Kunde möglichst immer mit dem gleichen Ansprechpartner zu tun hat. Dies ist mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass man es sich kaum noch anders vorstellen kann. Die Vorteile liegen für mich auf der Hand. Der Projektmanager einer Übersetzungsagentur lernt den Kunden genauer kennen, weiß wie er mit diesem umgehen muss, was er benötigt und was er erwartet. Im Idealfall wird der Projektmanager nach und nach zu einem Experten für diesen Kunden und seine Produkte. Schon dies ist ein Mehrwert für den Kunden, was in der Regel aber erst dann auffält, wenn der Projektmanager in den Urlaub fährt oder krank wird. Die Vertretung kann dieses Mehr an Wissen nur bedingt ersetzen.

Bei einigen meiner Agenturkunden habe ich jedoch gesehen, dass man diese Spezialisierung auf einen Kunden auch auf eine ganze Branche ausweiten kann. Ich finde diese Idee sehr gut und vielleicht hat der ein oder andere von Ihnen noch nie daran gedacht. Es geht um Folgendes: In diesen Übersetzungsagenturen kümmert sich ein Projektmanager um mehrere bzw. alle Kunden, die aus der gleichen Branche kommen, zum Beispiel „Automotive“ oder „Medizintechnik“. Bei Agenturen, die sich ohnehin auf nur eine Branche spezialisiert haben, ist das natürlich hinfällig, bei allen anderen kann dies jedoch deutliche Vorteile bringen, wohlgemerkt ohne nennenswerte Mehrkosten.

Der Projektmanager wird nach und nach zu einem Experten für die Branche, da er mit jedem Projekt, das er betreut, Wissen ansammelt, das für alle Seiten gewinnbringend sein kann. So lernt der Projektmanager, auf was es in der jeweiligen Branche besonders ankommt. Dies können Normen, Fachterminologie, Konventionen und viele andere Aspekte sein. In Unternehmen, in denen der Projektmanager auch in den Qualitätssicherungsprozess eingebunden ist, kann dies den Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Projektergebnis ausmachen.

Weiterhin wird das Fragen- und Antwortmanagement deutlich optimiert. Viele Fragen der Übersetzer können eventuell, sofern sich der Projektmanager absolut sicher ist, ohne Rückfragen beim Kunden beantwortet werden. Wenn doch der Kunde einbezogen werden muss, können diesem die Fragen möglicherweise in einer besser verständlichen Form präsentiert werden.

Wo wir gerade vom Kontakt mit dem Kunden sprechen… das gewonnene Fachwissen ermöglicht es dem Projektmanager auf einer anderen Ebene mit dem Kunden zu sprechen. Aber Vorsicht! Der Kunde erwartet professionelle Übersetzungsleistungen oder sonstige Sprachdienstleistungen von der Übersetzungsagentur, keine Ingenieursleistungen. Die bekommt er woanders besser. Man sollte sich also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Auch gegenüber den Übersetzern ergeben sich Vorteile. Da man viel häufiger mit Texten aus den gleichen Fachgebieten zu tun hat, wird die Zusammenarbeit mit den für dieses Fachgebiet geeigneten Übersetzern intensiver. So lernt man die jeweiligen Stärken und Schwächen der Übersetzer besser kennen und kann ihnen jeweils die Projekte anbieten, die am besten zu ihrem Profil und ihren Stärken passen. Außerdem weiß der Projektmanager dann eher, worauf er bei der Qualitätssicherung besonders achten sollte. Ebenso wird die Verfügbarkeit der Übersetzer so ein wenig leichter einschätzbar.

Nennenswerte Nachteile sehe ich bei dieser Vorgehensweise nicht, höchstens, dass im Vertretungsfall der Unterschied noch gravierender ausfällt als normal. Als Kunde könnte man auf die Idee kommen, dass die eigenen Daten nicht mehr so sicher sind, wenn der Projektmanager auch Wettbewerber betreut, allerdings kann dies genauso passieren, wenn sich der Kollege um den Wettbewerber kümmert. Im Geschäftsverkehr ist Vertraulichkeit ein hohes Gut und kann durch entsprechende Vereinbarungen (heute zumeist „Non-Disclosure Agreements“) noch stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. Ein Quäntchen Vertrauen ist aber ebenfalls unabdingbar.

Fazit: Die Betreuung verschiedener Kunden aus der gleichen Branche durch einen bestimmten Projektmanager bringt meiner Meinung nach Mehrwert für den Kunden, die Agentur und die Übersetzer und das ohne nennenswerte Kosten. Es ist einen Gedanken wert.

Ach, Sie decken das Fachgebiet Technik nicht in Gänze ab?

Von dieser Frage, die mir tatsächlich so gestellt wurde, war ich im ersten Augenblick etwas verblüfft. Ich musste den Text der E-Mail, in der dieser Satz stand, gleich noch einmal lesen. Dazu aber später mehr. Jetzt erst kurz zum Hintergrund:

Es ist einer meiner regelmäßigen Akquisenachmittage und ich schreibe einige Übersetzungsagenturen an. In der E-Mail stelle ich mich und meine Leistungen kurz und knackig vor. Dazu gehört auch eine kurze Auflistung der Fachgebiete, in denen ich Übersetzungen anfertige, unter anderem auch Medizintechnik und zwei weitere technische Fachgebiete. Die Resonanz auf meine E-Mails ist diesmal rein quantitativ sehr gut (zum Qualitativen kann man in der Regel nicht so schnell eine Aussage treffen). Mit dem Inhalt einer der Antwort-E-Mails habe ich allerdings nicht gerechnet. Nach den üblichen  „Vielen Dank“-Floskeln kam Folgendes: „Wir sind hauptsächlich auf technische Texte spezialisiert. Sehe ich das richtig, dass Sie dieses Gebiet nicht in Gänze abdecken?“

Da kommt man ins Grübeln. Seit Jahren heißt es von überall her, dass Spezialisierung unabdingbar ist, um auf dem heutigen Übersetzungsmarkt bestehen zu können. Auch ich sage das jedem, der mich fragt. Und nicht nur das… ich glaube auch daran. Nur wer sich in einer Disziplin sehr gut auskennt, wird Texte aus diesem Bereich auch fachlich korrekt und gut übersetzen können. Fachkenntnisse sind zwar nicht alles, denn auch ein gutes Sprachgefühl und übersetzerische Kompetenz sind erforderlich. Das fachliche Know-how hilft jedoch ungemein. Als Spezialist wird man einen Text deutlich schneller und präziser übersetzen können, als ein anderer Übersetzer, der ein Laie im jeweiligen Fach ist. Das gilt auch, wenn diese zweite Person ein hervorragender Übersetzer sein sollte. Ich denke, darin sind sich die meisten Kollegen einig. Und dann bekommt man eine solche Frage gestellt.

Das Problem ist, dass „Technik“ ebenso wie „Recht“ oder „Wirtschaft“, im Grunde kein Fachgebiet ist, sondern eine Gruppe von Fachgebieten. Kennt sich denn ein Maschinenbauingenieur mit Atomkraftwerken aus? Wohl eher nicht. Kann ein Luft- und Raumfahrtingenieur sein Auto selbst reparieren? Auch das ist nicht unbedingt gesagt. Wie sollen wir als Übersetzer dann ein Feld abdecken, das von Nanotechnologie bis zu Großbauwerken, wie Brücken, Staudämmen usw., reicht? Das kann bzw. das sollte niemand.

Irgendwie kann ich die Agentur ja auch verstehen. Man möchte es leicht haben. Wenn ein technischer Text reinkommt, möchte man nicht erst überlegen müssen, welcher Übersetzer dafür geeignet ist. Man schickt ihn einfach an irgendeinen der „Technik“-Übersetzer. Der wird das schon richten. Man muss vielen Kollegen zugute halten, dass sie sich sehr oft dermaßen in ein für sie neues Thema reinhängen, dass das Ergebnis am Schluss in Ordnung ist. Der Weg dahin ist dann aber oft mit Blut, Schweiß und Tränen getränkt. Auch die Frage, ob sich der Auftrag rein finanziell gelohnt hat, muss man sich dann aufgrund des wahrscheinlich höheren Zeitaufwands stellen. Ich selbst lehne Aufträge ab, wenn ich nicht sicher bin, eine gute Qualität liefern zu können. Ob die Texte dabei aus dem eigenen Fachgebiet kommen oder nicht, ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Allerdings käme ich nie auf die Idee zu sagen, dass ich jede Art von technischem Text machen kann. Natürlich nicht. Das muss ich von Fall zu Fall entscheiden.

Auch Agenturen sollten sich entscheiden, was sie möchten. Spezialisten oder vermeintliche Alleskönner? Die Sorgfaltspflicht gegenüber dem Kunden sollte hier wenigstens schon eine Tendenz vorgeben. Wie ist Ihre Meinung?