Wie weise ich meine Revisionskompetenz nach? (ein kurzer Seminarbericht für Übersetzer)

Wir Übersetzer sind alle nur Menschen und damit nicht perfekt. Ok, lieber Leser, Du bist vielleicht die Ausnahme. Uns Normalsterblichen geht allerdings leider manchmal ein Rechtschreibfehler durch oder wir finden einfach den richtigen Fachbegriff nicht. Man ärgert sich maßlos über solche Dinge. Mit einer strukturierten Arbeitsweise, Vorbereitung und einer guten Zusammenarbeit mit dem Kunden (ausreichend Referenzmaterial, Budget, Zeit usw.) lassen sich viele Qualitätsprobleme aber oft noch rechtzeitig beheben.

Eine weitere Möglichkeit zur Steigerung der Qualität ist das „Vier-Augen-Prinzip“, das heißt, die Prüfung der Übersetzung gegen den Ausgangstext durch einen zweiten Übersetzer. In der internationalen Norm für Übersetzungsdienstleistungen, der ISO 17100, wird dieser Schritt „Revision“ genannt und ist dort obligatorisch. Bei mir heißt diese Leistung „Übersetzungslektorat“, Ihr selbst nennt das vielleicht ganz anders. Leider gibt es hier keine allgemein akzeptierte Benennung, sodass man auch im Kundengespräch immer genau klären muss, was der Kunde unter „Korrektur“, „Lektorat“ etc. versteht.

Ich biete schon seit vielen Jahren Revisionen bzw. Übersetzungslektorate an. Dabei überprüfe ich für meine Kunden, die oftmals gemäß ISO 17100 arbeiten, die Übersetzungen anderer Übersetzer (also vielleicht auch Eure Werke) auf Rechtschreibung, Grammatik, korrekte Terminologie, Stil und vor allem auf die Übereinstimmung mit dem Ausgangstext. Das kennt Ihr ja selbst.

Nachweis von Revisionskompetenz

Wenn Ihr mit Kunden arbeitet, die nach ISO 9001 oder ISO 17100 zertifiziert sind, reicht es allerdings nicht aus, dass Ihr Eurem Kunden versichert, kompetent in Sachen Revision zu sein. Der Auditor Eures Kunden wird bei der regelmäßigen Rezertifizierung harte Fakten sehen wollen, das heißt in der Regel einen schriftlichen Beleg. Und nun? Wie weise ich nach, dass ich neben meiner Übersetzungskompetenz auch über Revisionskompetenz verfüge?

Eben diese Frage habe ich mir auch gestellt und bin dabei auf die Seminarreihe zum Thema Revision gestoßen, die von Carmen Canfora und Angelika Ottmann (zusammen „Die RisikoScouts“) über die BDÜ Weiterbildungs- und Fachverlagsgesellschaft angeboten wird. Da das auch für Euch interessant sein könnte, möchte ich kurz von dem zweitägigen Basisseminar „Revision“ vorletzte Woche in Mannheim berichten, ohne zu viel zu verraten. Für Eilige schon jetzt das Fazit: Geht hin! Ein großartiges Seminar, bei dem man auch als altgedienter Profi noch viel lernen kann.

Kurz zu den Inhalten

Ich möchte nichts vorwegnehmen, daher hier auch kein Spoiler-Alarm. Nur kurz angerissen ging es um folgende Themen: Ziele und Zweck der Revision, Unterschiede zwischen Korrekturlesen, Lektorat und Revision, Aufgaben und Kompetenzen des Revisors, Revision in der ISO 17100, Vorteile und Nachteile der Revision, Grundsätze und Prozesse, Preisgestaltung, Fallen und praktische Hinweise für Revisionen im TM-System. Noch Wünsche?

Der Rahmen

Erst war ich von der Aussicht, ein zweitägiges Seminar zu besuchen, nicht so begeistert. Bei einer längeren Anfahrt läuft das nun einmal auf wenigstens eine Übernachtung hinaus. Auch die will bezahlt werden. Im Nachhinein habe ich meine Meinung aber grundlegend geändert. Zwei Tage waren nicht nur für die Inhalte optimal, sondern auch für den Umgang zwischen den Teilnehmern. Beschnuppert man sich am ersten Tag noch vorsichtig, ist am zweiten Tag alles schon sehr viel lockerer und entspannter. Einfach eine wunderbar angenehme Atmosphäre!

Erwartungen an das Seminar Revision

©Die RisikoScouts

Die Inhalte mussten wir uns teilweise in Workshop-Manier selbst erarbeiten. Das lockerte das Seminar deutlich auf. Einen Eindruck davon erhaltet Ihr auf dem nebenstehenden Bild (mit freundlicher Genehmigung von Carmen Canfora und Angelika Ottmann). Von diesen Pinnwänden haben wir locker zwanzig vollgemacht. Noch eine Besonderheit: Die beiden Referentinnen wechselten sich beim Sprechen regelmäßig ab, sodass es auch für das Ohr nie eintönig wurde. Wäre bei den spannenden Themen aber auch nicht unbedingt nötig gewesen, hat aber sicher die Stimmbänder der Referentinnen geschont.

Ah! Noch kurz zum Veranstaltungsort: Das Hotel Mercure am Rathaus, in dem das Seminar stattfand, war eine gute Wahl. Freundliche Angestellte, schöne und saubere Zimmer und, besonders wichtig, eine leckere und üppige Verpflegung in den Kaffeepausen.

Die Teilnehmer

Wir waren eine wirklich nette Runde. Insgesamt nahmen rund 18 Personen am Seminar teil. Besonders schön und spannend war, dass neben uns Freiberuflern auch eine Reihe von Übersetzern dabei war, die bei Behörden arbeiten. Wann begegnet man schon jemandem von der Europäischen Zentralbank, dem Bundessprachenamt oder dem Bundesrechnungshof? Viele der Teilnehmer fuhren abends zwischen den beiden Seminartagen nach Hause, viele andere blieben aber auch in Mannheim, sodass ich mit vier Kolleginnen und Kollegen einen sehr netten Abend verbringen konnte. Herzlichen Dank dafür an Jeannette, Helke und die anderen! Dank der recht großen Teilnehmerzahl werdet auch Ihr sicher jemanden treffen, den Ihr schon kennt bzw. den ihr schon immer mal kennenlernen wolltet.

Mein Fazit zum Seminar

Ich habe das Seminar sehr genossen und in der Sache stark profitiert. Zwar führe ich seit Jahren Revisionen aus, und das auch gut und professionell, doch ist es nie schlecht, das Thema auch mal aus anderen Augen zu sehen oder aus anderen Blickwinkeln zu beleuchten. Mitgenommen habe ich daher Folgendes:

  • Ein besseres Bewusstsein dafür, welche Rolle ich als Revisor im gesamten Übersetzungsprozess spiele. Mir ist klarer, was gefordert ist und was nicht.
  • Anregungen für eine bessere und gegenüber dem Übersetzer wertschätzendere Arbeitsweise.
  • Mit dem Zertifikat, das ich durch die abschließende Prüfung erworben habe, kann ich jetzt auch gegenüber meinen Kunden nachweisen, dass ich über die nötige Revisionskompetenz verfüge. Ein echter Mehrwert für meine Kunden.
  • Und ein neues Paar Schuhe:

War leider nötig, nachdem sich ungefähr zur Mittagszeit am ersten Tag mein erstes Paar verabschiedet hatte:

Ich wünsche allen, die ebenfalls an dem Seminar teilnehmen möchten, viel Spaß und stabiles Schuhwerk!