Der Ton macht die Musik

Möchten Sie in einer Bedienungsanleitung gerne geduzt werden? Nein, wohl eher nicht. Ihre Werbeanzeige darf aber ruhig lässiger formuliert sein. Der Ton muss eben für die Situation passen. Genau dieses Problem kommt auch bei Übersetzungen regelmäßig vor. Je nach Effekt, den der Verfasser beim Leser erreichen möchte, liegt die Aufgabe des Übersetzers nicht nur im Übertragen des Sinns, sondern auch in der Anpassung des Stils.

Ein gutes Beispiel hierfür lieferte mir ein Auftrag, den ich kürzlich erhielt. Es ging um die Übersetzung der Texte eines Online-Shops für Körperpflegeprodukte inklusive der Texte der automatischen E-Mail-Bestätigungen. Vorgabe des Kunden war es, dass sich der Text lesen sollte, als wenn eine ältere Schwester den Nutzern, eine vorwiegend weibliche Kundschaft, einen guten Rat erteilen würde. Gleichzeitig sollte der Nutzer jedoch gesiezt werden. Der englische Ausgangstext war dementsprechend blumig und von „we are happy“, „we’d love to“ usw. geradezu durchsetzt. Im Deutschen sind diese ausschweifenden Begeisterungsäußerungen jedoch eher unüblich. Die Schwierigkeit bestand somit darin, einen sehr höflichen, aber nicht übertrieben anbiedernden Ton zu treffen. Gleichzeitig musste darauf geachtet werden, an eher „trockenen“ Textstellen, wie z. B. Formularen oder Fehlermeldungen, den Ton wieder entsprechend zu versachlichen, da an diesen Stellen eine persönlichere Formulierung im Deutschen albern geklungen hätte.