Schlagwort-Archive: Medizin

Von den Lebenden und den Toten

Rechtsmediziner kennen die meisten von uns nur aus dem Fernsehen. Aber haben Sendungen wie Quincy, Crossing Jordan oder Medical Detectives überhaupt viel mit der Realität zu tun? Da ich mich mit dem Thema auch nicht auskannte, hatte ich mich für das Seminar “Ein Querschnitt durch die Rechtsmedizin” angemeldet, ein Fortbildungsangebot des BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V.). Zwar habe ich nur am Rande mit Medizin zu tun, dennoch interessierte mich das Thema.

Da solche Seminare vielleicht auch für andere Leute interessant sind, schreibe ich normalerweise gerne darüber. Was ich bei der Anmeldung noch nicht wusste: Dieses Seminar hat mit „normal“ nichts zu tun.

Nichts ist normal

Normalerweise würde ich Ihnen jetzt grob beschreiben, um was es in dem Seminar ging, wie der Referent die Inhalte vermittelt hat, wie die Stimmung war usw. Allerdings sind das nicht die Dinge, die bei mir dauerhaft hängenbleiben werden. Bin ich ein wenig traumatisiert? Ja. Denn ich war auf das, was kam, nicht gut vorbereitet. Wenn ich allerdings nach den Gesichtern der anderen Teilnehmer gehe, ging es denen auch nicht viel besser. Wenn Sie empfindlich sind, überspringen Sie den nächsten Absatz bitte.

Denn was wir von unserem Referenten, Dr. med. Frank Glenewinkel, Facharzt für Rechtsmedizin, aus Köln zu sehen bekamen, begegnet einem nicht alle Tage. Von Fäulnisgasen aufgedunsene Leichen mit verfaulter, grüner Haut und verzerrtem Gesicht, die man nur auf den zweiten Blick als Mensch erkennen kann. Von Speckkäfermaden ausgehöhlte, mumifizierte Körper. Vergewaltigte, geschundene junge Frauen. Ein verhungertes, bis auch die Knochen abgemagertes Mädchen. Eingedrückte Brustkörbe. Erhängte oder erdrosselte Menschen. Vom Zug erfasste Körper, mit gesprengtem Kopf und abgerissenen Gliedern – beim totgeschlagenen Säugling konnte ich nicht mehr und musste für ein paar Minuten raus.

Sind Sie noch da?

Wenn Sie bis hier gekommen sind, halten Sie vermutlich mehr aus als ich (oder Sie haben sich um den vorangehenden Absatz gedrückt). Damit wir uns nicht falsch verstehen: Trotz der drastischen Inhalte ist das Seminar definitiv eines der besten, das ich je beim BDÜ besucht habe. Ein absolutes Muss ist dieses Seminar für Sie, wenn Sie a) für Gerichte oder die Polizei tätig sind und dort mündliche Aussagen oder Texte mit rechtsmedizinischen Inhalten bearbeiten oder b) als Krimiautor in menschliche Abgründe blicken und Gewalttaten realistisch beschreiben möchten. Ich möchte im Folgenden nicht zu viel vorweg nehmen, daher hier nur eine kurze Zusammenfassung:

Herr Glenewinkel lebt und liebt seinen Beruf. Anders hält man das auch nicht aus. Er hat es geschafft, selbst, im wahrsten Sinne des Wortes, todernste Dinge so zu vermitteln, dass wir zwischendurch viel gelacht haben (und zwar nicht aus Verzweiflung). Als Einführung wurden zunächst einige Fragen geklärt: Was machen Rechtsmediziner überhaupt? Was ist der Unterschied zwischen einem Rechtsmediziner und einem Pathologen? Sind Sektion, Obduktion und Autopsie das gleiche (kleiner Spoiler: ja)? Welche Todesursachen und Todesarten werden unterschieden? Und, und, und…

Im Angesicht des Verbrechens

Danach ging es schon ans Eingemachte (ganz, ganz falsche Wortwahl). Besprochen wurden sichere und unsichere Todeszeichen, frühe und späte Leichenerscheinungen, verschiedene Formen der Gewalteinwirkung (inklusive Tipps für alle, die jemanden um die Ecke bringen möchten, ohne geschnappt zu werden), Ersticken, Erhängen, Erdrosseln, Erwürgen, stumpfe Gewalt, offensive und defensive Leichenzerstückelung, halbscharfe und scharfe Gewalt, Kindesmissbrauch usw. Interessant war auch der Fall eines getöteten Mannes, dessen Tötung wir anhand von Bildern des Tatorts zusammen mit Herr Glenewinkel rekonstruieren konnten.

Mehr möchte ich nicht verraten. Abends am Bahngleis telefoniere ich kurz mit meiner Frau. Als sie mich fragt, ob es schön gewesen sei, muss ich kurz überlegen. Nein, „schön“ war es nicht. Gelohnt hat es sich trotzdem. Besuchen Sie dieses Seminar. Sie werden es nicht bereuen. Bringen Sie aber gute Nerven mit.

HInweise:
Das Seminarangebot des BDÜ finden Sie auf: https://seminare.bdue.de/

Dieser Seminarbericht erscheint in abgewandelter Form voraussichtlich auch in der nächsten Ausgabe von infoNRW, der Mitgliederzeitschrift des BDÜ-Landesverbands Nordrhein-Westfalen.

Webinar zu klinischen Studien

Da man nie auslernt, habe ich am vergangenen Donnerstag an einem Webinar zum Thema „Ein Überblick über klinische Studien und das Übersetzen von Studiendokumenten“ teilgenommen. Zwar hatte ich selbst auch zuvor bereits Studienunterlagen übersetzt, doch wollte ich gerne mehr über das Thema erfahren. Die beste Gelegenheit dazu war das vom Landesverband Baden-Württemberg des BDÜ veranstaltete und von Frau Daniela Penn gehaltene Webinar (bzw. Online-Seminar). Frau Penn ist Diplom-Fachübersetzerin mit den Fachbereichen Medizin, Medizintechnik und Pharmazie sowie Medical Writer und daher mit dem Thema mehr als vertraut.

Das Webinar gab einen Überblick über die verschiedenen Studiendesigns, die 4 Phasen einer Studie, den Aufbau von Studiendokumenten, die beteiligten Institutionen und Personen, rechtliche Vorgaben, wichtige Begriffe, Glossare und vieles mehr. Auf zwei Arten von Studiendokumenten, Einwilligungserklärungen und Studiensynopsen, wurde anschließend in einem Workshop näher eingegangen.

Zwei Aspekte sind mir besonders in Erinnerung geblieben:

  • Zielgruppengerechtes Übersetzen
    Gerade in einem Fachgebiet, das mit sehr vielen Fremd- und Fachwörtern arbeitet, ist die Verwendung einer für die jeweilige Zielgruppe verständlichen Sprache wichtig. Ein einfaches Beispiel wäre, dass man in der Studiensynopse, die sich an Fachleute richtet, problemlos den Terminus „Anamnese“ benutzen kann bzw. sollte, in einer Einwilligungserklärung, die an den Studienteilnehmer bzw. Patienten gerichtet ist, der Terminus „Krankengeschichte“ jedoch geeigneter wäre… und das wohlgemerkt auch dann, wenn in der Ausgangssprache, sagen wir etwa Englisch, in beiden Fällen „medical history“ steht.
  • Kontextgerechtes Übersetzen
    Wenn im Englischen bei klinischen Studien der Terminus „patient“ verwendet wird, kann man das im Deutschen als „Patient“, „Proband“ oder neutral als „Studienteilnehmer“ übersetzen. Welcher Begriff hierbei richtig ist, hängt in erster Linie von der Studienphase und den Vorlieben des Auftraggebers ab. In der Phase I wird ein Prüfpreparat oder Medizinprodukt nicht an Menschen getestet, die tatsächlich an der zu behandelnden Krankheit leiden, sondern an gesunden Menschen. Hier von „Patient“ zu sprechen wäre somit falsch. Echte Patienten kommen erst in Phase II in Betracht.

Das Webinar hat mich persönlich durchaus weitergebracht, und ich freue mich bereits auf die zwei weiteren Webinare von Frau Penn zu den Themen „Zulassungsunterlagen richtig übersetzen“ am 9. Oktober 2014 sowie „Die Terminologie in der Kardiologie und in der kardiologischen Medizintechnik“ am 20. November 2014.