Für eine Handvoll Euro

Wer in der Übersetzungsbranche seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern möchte, hat hierzu mehrere Möglichkeiten, die jeweils sehr unterschiedliche Auswirkungen haben können. So kann man unter anderem sein Angebot durch weitere Dienstleistungen erweitern, die Qualität durch verbesserte Prüfverfahren steigern oder auch die Kosten senken. Alle Varianten sind legitim und können, sofern sinnvoll umgesetzt, sehr nützlich sein.

Heute erreichte mich die Nachricht eines meiner Agenturkunden. Der Umgang mit diesem Kunden ist sehr nett und angenehm. Auch der Preis stimmte bislang. In der Nachricht hieß es aber nun, dass man nach einer eingehenden Prüfung der eigenen Prozesse ab sofort keine Wiederholungen mehr bezahle. Dies sei in Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit notwendig. Im Gegenzug müssten die Wiederholungen aber auch nicht mehr gelesen und geprüft werden, wodurch dem Übersetzer im Prinzip keine nennenswerten Nachteile entstünden.

Wie unschwer zu erkennen ist, wird hier versucht, die Kosten zu senken, was an sich in Ordnung ist. Die hier angewandte Methode ist jedoch meines Erachtens mehr als fragwürdig und unter Umständen brandgefährlich. Sehen wir uns das genauer an:

In einem Text kommen bestimmte Sätze oder sonstige Segmente mehrfach vor. Das erste Auftreten wird voll bezahlt, jedes weitere Auftreten soll gemäß den obigen Ausführungen unbezahlt bleiben, da das Übersetzungstool die Übersetzung an diesen Stellen automatisch einfügt. Dies wäre soweit in Ordnung, wenn alle Segmente in allen Kontexten immer gleich übersetzt werden müssten und es keine Wörter mit mehreren Bedeutungen gäbe. Dass dem nicht so ist, zeigt die Praxis. Ich hatte solche Fälle schon öfter. So stand in einem englischen Ausgangstext mehrfach das Segment „Manual“. Beim ersten Auftreten bezog es sich auf „User Manual“, weshalb man es entsprechend als „Anleitung“ bzw. „Handbuch“ übersetzen konnte. An einer anderen Stelle sah der Kontext jedoch völlig anders aus. Dort ging es um eine Betriebsart einer Maschine, die im Gegensatz zu „Auto“ stand. Sie ahnen es, „Manual“ musste hier als „Manuell“ übersetzt werden. Das Translation Memory fügte bei diesem Segment aber „Anleitung“ ein, da das so im TM gespeichert war und eben bei Wiederholungen 1:1 eingefügt wird. Belässt man „Anleitung“, wäre das ein krasser Fehler, der, wenn er dem Kunden auffällt, berechtigterweise eine Reklamation nach sich zieht. Diese Gefahr besteht im Grunde bei jedem Wort, das mehr als eine Bedeutung haben kann. Wenn Sie sich ein Wörterbuch ansehen, werden Sie schnell feststellen, dass dies nicht wirklich die Ausnahme ist.

Ein weiteres Problem stellen unvollständige Segmente dar. Diese ergeben sich teilweise aus fehlerhaften Segmentierungen oder auch aus redaktionellen Gründen. Zu denken wäre hier an Formulierungen wie diese:

Vor der Montage ist sicherzustellen, dass sich
– das Modul in der Führung,
– der Stecker in der Buchse,
– der Antrieb in der Stellung ON
befinden.

Da die Satzstellung zum Beispiel im Deutschen und Englischen sehr unterschiedlich ist, werden in bestimmten Segmenten in einer Sprache Wörter stehen, deren Entsprechung in der anderen Sprache in einem anderen Segment gelandet sind. Wenn sich eines dieser Segmente dann wiederholt, das andere Segment, mit dem es zusammen den Satz bildet, aber anders ist, gibt das ohne eine Anpassung ein schlimmes Durcheinander.

Hier begibt man sich als Agentur qualitäts- und haftungsmäßig auf dünnes Eis, insbesondere wenn, wovon auszugehen ist, dem Endkunden die potentiellen Gefahren dieser Vorgehensweise nicht bekannt sind. Ob er überhaupt davon erfährt, dass die Wiederholungen nicht mehr geprüft werden, kann in nicht beantworten. Was ich sicher sagen kann ist, dass schwere Fehler in der Übersetzung vorprogrammiert sind, die wiederum zu Vermögensschäden beim Endkunden führen können. Auf die Agentur warten Reklamationen, Schadenersatzforderungen und insbesondere das Ende der Geschäftsbeziehung zum Kunden. Schlimmer noch, der Ruf der Agentur leidet, was auch die zukünftigen Geschäftsmöglichkeiten in Mitleidenschaft zieht.

Fazit: Natürlich wird die blinde Übernahme einer Wiederholung in vielen Fällen unproblematisch sein, in vielen Fällen aber auch nicht. Sind es die Handvoll Euro, die man zusätzlich verdient, wert, diese Risiken einzugehen? Meiner Meinung nach eine kurzsichtige Firmenpolitik.