Wenn „you“ nicht „Du“ ist

Wenn Sie gerne amerikanische Serien und Filme auf Deutsch sehen, dann ist Ihnen dieses Phänomen sicher auch schon aufgefallen. Die Protagonisten siezen sich, einige Zeit später wird geduzt. Die so vermittelte Annäherung der Figuren im Verlauf der Geschichte ist oft beabsichtigt und nachvollziehbar, im englischen Original aber, zumindest rein sprachlich, ohne Entsprechung. Dort sprechen sich alle Personen mit „you“ an. Eine Unterscheidung, wie im Deutschen zwischen „Sie“ und „Du“, existiert nicht. Nimmt man dann noch dazu, dass gerade in den USA schnell zum Vornamen gegriffen wird, sind alle Klarheiten beseitigt.

Das „You-Problem“ ist mir heute noch in einem anderen Kontext begegnet. Es ging um die Übersetzung der Anweisungen zu einer visuellen bzw. auditorischen Prüfung der Aufmerksamkeit im Rahmen der Diagnostizierung von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bzw. -syndrom). Die Anweisungen richteten sich laut Aussage des Kunden sowohl an Jugendliche als auch an Erwachsene. Selbst Kinder waren im Prinzip nicht ausgeschlossen. Angesprochen wurden die Personen selbstverständlich alle mit „you“.

Jetzt steht man als Deutsch-Übersetzer vor einem Problem. Im Deutschen muss man sich zwischen „Sie“ und „Du“ entscheiden. Man könnte höchstens auf eine Infinitivkonstruktion („Knopf drücken“) ausweichen, was aber sehr unpersönlich und eventuell auch unfreundlich klingt, sodass diese Option nicht in Frage kam. Nun gut. Man hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Siezt man ein Kind oder duzt man einen Erwachsenen? Der Kunde selbst konnte dazu auf Nachfrage keine konkreten Anweisungen geben, worauf ich zur Verwendung von „Sie“ riet. Warum gerade das? In diesem konkreten Fall sprach Folgendes dafür:

  • Auf dem bereitgestellten Referenzmaterial (Videos) waren ausschließlich Erwachsene zu sehen.
  • In einem Text mit Übersetzungsanweisungen waren Texte in spanischer Sprache vorgegeben. In diesen wurde gesiezt.
  • Die Anrede mit „Du“ ist für Erwachsene in den meisten Fällen, wenn keine persönliche Verbindung besteht, ungewohnt.
  • Die Anrede mit „Sie“ ist für Erwachsene angemessen.
  • Jugendliche werden sich, wenn sie gesiezt werden, eher geschmeichelt und ernst genommen fühlen, da sie wie ein Erwachsener behandelt werden.
  • Nur bei Kindern ist diese Anrede ungeeignet. Allerdings bezweifle ich, dass ein Kind den schriftlich und akustisch präsentierten Anweisungen ohne weitere Hilfestellungen folgen könnte, weshalb ich Kinder als direkte Zielgruppe eher ausschließe.

In anderen Fällen, kann die Entscheidung mit Sicherheit völlig anders ausfallen. Das ist etwa bei vielen bekannten Marken, die ein besonderes Image in ihren Texten transportieren wollen, der Fall. Diese neigen heutzutage schnell zum Duzen und werden daher diese Form der Anrede verpflichtend vorschreiben. In allen anderen Fällen bleibt es aber eine Einzelfallentscheidung.