Rezension – „Technische Dokumentation richtig und benutzerfreundlich übersetzen“

Jede Branche hat ihre eigene Sprache. Das merkt man schnell, wenn man sich aus dem eigenen Fachgebiet herausbewegt. Dann beginnt bei manch einem die Rutschpartie. So geht es auch vielen Technikübersetzern, wenn sie mit Texten aus der Juristerei, Marketing, Kunst und sonstigen Bereichen konfrontiert werden. Natürlich ist die Terminologie eine andere, aber auch sprachliche Konventionen und der Stil sind teilweise völlig verschieden. Umgekehrt ist es genauso. Zwar hat jeder schon einmal eine Bedienungsanleitung oder ähnliches in der Hand gehalten, doch in diesem Bereich zu übersetzen, fällt einem Übersetzer, der technische Texte nicht gewohnt ist, manchmal dennoch ziemlich schwer.

In diesen Fällen kann eventuell das kürzlich beim Fachverlag des BDÜ erschienene Buch „Technische Dokumentation richtig und benutzerfreundlich übersetzen“ von Manfred Braun weiterhelfen. Der Autor ist langjähriger Technikübersetzer und kommt dazu noch aus der technischen Redaktion, sodass er das Thema von zwei Seiten beleuchten kann. Das war interessant genug für mich, mir dieses Buch zu kaufen, auch wenn ich schon seit mehreren Jahren in der technischen Übersetzung tätig bin.

Überblick

Der Autor gibt zunächst einen umfangreichen Überblick über die verschiedenen Erscheinungsformen technischer Dokumentation, was Betriebsanleitungen, Stücklisten, Datenblätter, Qualitätsmanagementhandbücher, technische Zeichnungen, Verkaufsunterlagen und vieles mehr umfassen kann. Er beleuchtet zudem die besonderen Spielarten, auf die man etwa im Kraftfahrzeugbereich, der Luftfahrt oder im militärischen Bereich trifft.

Es folgt ein ausführliches und für mich sehr interessantes Kapitel zur Maschinenrichtlinie, der Bibel (mindestens!) der technischen Redaktion.

Nach der Beschreibung verschiedener Dateiformate und Datenträger, auf der technische Dokumentation kommen kann, sowie einer Beschreibung der Gliederung einer Bedienungsanleitung, geht es an den Kern der Sache: die Besonderheiten der Sprache in der technischen Dokumentation. Der Autor beschreibt eingehend, welchen Schwierigkeiten sich Technikübersetzer oftmals gegenüber sehen. Zu den behandelten Themen gehört unter anderem die Modularisierung technischer Dokumentation, bei der nicht mehr vollständige Anleitungen übersetzt werden, sondern nur noch die noch nicht in der Zielsprache vorliegenden Teile (Module). Außerdem werde kontrollierte Sprachen, maschinelle Übersetzung, die Verwendung der „Sie“- vs. der Infinitivform bei Handlungsanweisungen, unterbrochene Satzstrukturen, Terminologie und viele weitere Themen besprochen.

Meine Meinung zum Buch

Mein erster, recht subjektiver Eindruck war: „Ganz schön dünn.“ Für mehr oder weniger den gleichen (durchaus niedrigen) Preis habe ich beim Fachverlag des BDÜ, bei dem auch das hier besprochene Buch erschienen ist, schon Bücher gekauft, die viermal so dick waren. Daher war ich kurz überrascht. Aber ich versuche möglichst, nicht vom Äußeren auf das Innere zu schließen. Das wäre auch ein Fehler, denn das Buch ist klein, hat es aber durchaus in sich!

Sehr schön fand ich…

  • Die Liste mit den H- und P-Sätzen, mit der die eine oder andere Recherche unnötig wird.
  • Die Übersicht über den Aufbau von Sicherheitsdatenblättern.
  • Die neutrale Betrachtung maschineller Übersetzung, die auch die Vorteile hervorhebt, die diese Entwicklung unter bestimmten Umständen durchaus hat.
  • Der umfassende Überblick über das Thema, der gerade für Einsteiger sehr nützlich ist und grundlegende Fragen sehr ausführlich und eingehend beantwortet.
  • Einige nützliche Links, wie etwa zu intelliwebsearch.com oder sapterm.com, die auch für den Profi hilfreich sind.

Weniger schön fand ich… (Ich möchte es nicht als Verriss verstehen, dass ich mehr über die negativen als über die positiven Punkte schreibe.)

  • Die starke Fokussierung auf den Aufbau technischer Dokumentation: Ein guter Teil des Buchs beschäftigt sich mit Dingen, die eher für technische Redakteure als für Übersetzer interessant sind. Bei dem Titel „Technische Dokumentation richtig und benutzerfreundlich übersetzen“ hätte ich mir eine stärkere Konzentration auf übersetzungsrelevante Aspekte gewünscht. Über 50 der etwa 120 Seiten beschäftigen sich mit Aspekten, die mit dem Übersetzen technischer Dokumentation, außer dass es eben um technische Dokumentation geht, nur sehr wenig zu tun haben. Das ist sicher dem Hintergrund des Autors geschuldet, ist aber für den einen oder anderen Leser sicher etwas enttäuschend.
  • Kleinere Fehler, insbesondere in dem Kapitel zu den Dateiformaten, die zwar meistens nicht gravierend sind, aber dennoch stören (XML-basiertes Dateiformat *.docx nicht erst seit Word 2013, sondern seit Word 2007, *.idml seit der InDesign-Version CS4 und nicht CS5).
  • Fehlende Informationen, die aus Übersetzersicht hilfreich gewesen wären: So gibt es keinen Hinweis darauf, wie Dateien aus Quicksilver übersetzt werden, obwohl bei anderen Dateiformaten ein solcher Hinweis vorhanden ist (Interessierte können sich gerne bei mir melden). Bei XML-Dateien wird mit keinem Wort auf die Anpassung der Parser-Einstellungen eingegangen. Bei der Behandlung der Redaktions- und Content-Management-Systeme werden weder der Export in XML noch andere Übersetzungsmöglichkeiten erwähnt usw.
  • Bei den sprachlichen Aspekten driften die Erläuterungen öfter in die Aufgabengebiete von technischen Redakteuren ab. Als Übersetzer hat man sehr oft nicht die Möglichkeit, die durchaus sinnvollen Vorschläge umzusetzen bzw. der Kunde wäre nur sehr schwer davon zu überzeugen, den erforderlichen Mehraufwand auch zu bezahlen. Das ist etwa der Fall, wenn es darum geht, die Unterbrechungen der Satzstruktur zu beheben, die durch eingefügte Aufzählungen entstehen. Ein weiterer Fall wäre die chronologische Beschreibung der Ereignisse. Wenn das Geschehen in einem Satz beschrieben wird, dann ist das kein Problem. Wenn die Sätze aber jeweils abgeschlossen sind, womöglich mit Absatzzeichen dazwischen, wird es zumindest bei der Bearbeitung mit CAT schon umständlich.
  • Eine meines Erachtens zu einfache Einteilung in Richtig und Falsch.

Fazit

Das Buch ist vor allem für Neulinge auf dem Gebiet der technischen Übersetzung nützlich und eine wertvolle Hilfe. So können sie lernen, worauf besonders geachtet werden muss und wie besondere Stilmittel korrekt übersetzt werden. Ganz nebenbei lernen sie viel darüber, wie so mancher Kunde aus Maschinenbau und Co. tickt. Auch auf dem Gebiet erfahrenere Kollegen können sicher vom Buch profitieren, werden sich aber eventuell etwas mehr erwartet haben.