Dringend, eilig, ASAP und Co.

Kein Übersetzer kann sie leiden: Liefertermine. Und dennoch sind sie wichtig. Sie sorgen für eine gewisse Tagesstruktur abseits von den Mahlzeiten und familiären Verpflichtungen und motivieren das ein oder andere Mal auch, sich auf den Hosenboden zu setzen und endlich loszulegen. Es gibt kein besseres Heilmittel gegen den inneren Schweinehund als ein knackiger Liefertermin.

Warum vielen Übersetzern trotzdem die Haare zu Berge stehen, wenn sie nur das Wort „Liefertermin“ hören? Dazu gleich mehr.

Die Todeslinie (engl. „deadline“, siehe Anmerkung unten)

Liefertermine sind für viele der Inbegriff für Ärger. Das hängt allerdings in erster Linie damit zusammen, dass sie nicht immer an den zu bewältigenden Aufwand angepasst sind bzw. einen Druck aufbauen, der nicht unbedingt nötig wäre. Wenn man zum Beispiel an einem Freitag um 19 Uhr, kurz vor dem Abschalten des Rechners, noch einen Auftrag zugeschickt bekommt und als Liefertermin der folgende Montag, 8 Uhr angegeben ist, kann man sich schon Gedanken darüber machen, ob man dem Kunden den Hals umdrehen soll. In der Situation bleibt einem nur die Wahl, den Auftrag abzulehnen oder eben eine Wochenendschicht einzulegen. Beides kann unangenehm sein.

Ein anderer Fall aus der Praxis: Der Kunde hat einen im O-Ton „sehr dringenden“ Auftrag. Der genannte Termin passt gerade so. Nach mehreren Tagen anstrengender und intensiver Arbeit hat man es geschafft und liefert die Übersetzung pünktlich zum Liefertermin. Damit auch nichts schief geht, natürlich mit Lesebestätigung. Und dann? Schweigen. Ein Tag vergeht, zwei Tage. Keine Lesebestätigung. Besorgt ruft man beim Kunden an. Der sagt einem dann, dass man noch keine Gelegenheit gehabt hätte, in die Übersetzung reinzuschauen und das irgendwann in den nächsten Wochen tun würde.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Liefertermine sind extrem wichtig und dazu da, eingehalten zu werden. In vielen Fällen hängt von einer pünktlichen Lieferung, z. B. bei Messe- oder Ausschreibungstexten, das Wohl und Wehe ganzer Belegschaften ab oder bei Termingeschäften auch das Übersetzerhonorar. Auf die leichte Schulter sollte man Liefertermine also nicht nehmen. Wenn man einen Termin nicht einhalten kann, sagt man das bereits im Voraus bzw. vereinbart einen längeren, sofern möglich. Wenn man erst während der Arbeit merkt, dass der Liefertermin nicht einzuhalten ist, sollte man umgehend den Kunden informieren. In vielen Fällen ist dann eine Verlängerung möglich. Wenn nicht, kann man immer noch zu anderen Lösungswegen greifen. Bleiben wir aber bei den Lieferterminen, betrachten wir es aber von einer anderen (manch einer sagt von der „dunklen“) Seite aus.

Die dunkle Seite

Ich habe etwa 8 Jahre als Projektmanager in verschiedenen Übersetzungsagenturen gearbeitet. Wenn es konkrete Terminvorgaben des Kunden gab, wurden diese natürlich so an den Übersetzer unter Einrechnung eines Zeitpuffers weitergegeben. Wenn nicht, dann orientierte man sich eben an der Textmenge und gab einen üppigen Liefertermin in der Form „bis Mittwoch“ an. Nachdem ein Übersetzer meinte, dass der Mittwoch erst um 24.00 Uhr zu Ende sei, bin ich dazu übergegangen auch eine konkrete Uhrzeit anzugeben, auch wenn das beim jeweiligen Projekt nicht unbedingt notwendig gewesen sein sollte. Als Projektmanager möchte man alles planbar halten. Am Montag kommen diese Projekte, am Dienstag das Großprojekt. Für diesen Auftrag sind zwei Stunden Nacharbeit notwendig, für den anderen zwei ganze Tage, da noch DTP-Arbeiten durchgeführt werden müssen usw.

Wenn für Sie der genannte Termin zu knapp sein sollte, dann sprechen Sie einfach mit Ihrem Kunden und finden Sie heraus, ob der Liefertermin tatsächlich in Stein gemeißelt ist. Eventuell lässt sich ja doch was machen. Aber Achtung, nicht überstrapazieren. Besonders aufmerksam sollten Sie bei Formulierungen wie „dringend“ oder „eilig“ sein. Der Termin, den der eine Kunde mit „eilig“ meint, kann für die gleiche Textlänge bei einem anderen Kunden eine Woche später liegen. Mehr als einmal hatte ich Kunden, die sagten, dass sie eine Übersetzung ganz schnell bräuchten. Auf meine Nachfrage, was denn „schnell“ für sie sei, kam die Antwort: „irgendwann in der nächsten Woche“. Es ging um eine halbe Seite.

Anmerkung: Der Terminus „deadline“ hat seinen Ursprung im amerikanischen Bürgerkrieg, wo Gefangene in Gefängnissen eine bestimmte Linie, die zum Beispiel durch Pfähle oder Bäume markiert war, nicht überschreiten durften. Taten sie es doch, mussten sie damit rechnen, erschossen zu werden.